home 

09.06.2007
Schnee auf der Bischofsmütze, 2454 m
ein Heimatroman, oder zumindest eine Heimatgeschichte
(dramatisierte Fassung voll heroischer Männlichkeit, Sorge und Liebe)

Es war am verlängerten Wochenende rund um den Staatsfeiertag, als Herr Homer das erste Mal die Große Bischofsmütze erblickte.Er machte mit seiner jungen kleinen Familie und einer befreundeten jungen kleinen Familie Urlaub auf der Stuhlalm am Fuße des Gosaukamms. Ein malerischer Flecken Erde über den, mächtig und erhaben, die beiden Bischofsmützen trohnen, die große und die kleine.

Bereits beim ersten Anblick war Herr Homer in ihren Bann gezogen und wusste, dass er nicht eher ruhen wird können, bevor er nicht ihren Gipfel erklommen hat. Schon am ersten Abend dachte er laut über einen Alleingang zeitig am nächsten Morgen nach.

"Sieh hier deinen Sohn, Mann! Willst du ihn zum Waisen machen, noch bevor er gehen und sprechen kann? Willst du mich als Witwe allein zurück lassen?", mahnte sein Weib und er war hin und her gerissen. Letztlich siegte die Vernunft, gestärkt durch die Liebe zu Frau und Kind!

Auf der Stuhlalm - und über allem trohnt die Bischofsmütze!

Kaum zurück in der Großstadt Wien, begann der Getriebene mit der Planung einer Besteigung des Berges. Mit seinem Freund Paul war auch schnell ein Seilpartner gefunden. Ein junger, konditionsstarker junger Mann von kräftigem Körperbau, der zwei Monate vor der Niederkunft seines ersten Kindes noch einmal raus in die wilde Freiheit der Berge musste.

"Warum in Herrschafts Namen, muss es aus gerechnet ein Berg sein, der für seine zahlreichen Steinschläge so bekannt ist?", klagte seine Frau voll Kummer.

Trotz all der Sorge fixierten die beiden Männer ein nahes Wochenende für die Tour. Doch das Wetter spielte nicht mit. Anhaltender Regen, Gewitter und Sturm zwangen sie daheim zu bleiben.

Neuerlich wurde ein Wochenende vereinbart. In der Zwischenzeit hatten sich zwei weitere junge Männer dem Unternehmen angeschlossen. Max, ein weitgereister Weltenbummler und Stefan, der eine Tochter und eine Frau hat, die in wenigen Wochen ihr zweites Kind erwartete.

In jenen Tagen des Wartens auf den großen Tag, schliefen die Männer unruhig, aus Sorge vor Schlechtwetter. Die Frauen schliefen unruhig, aus Sorge um ihre Männer.

Dann kam der Tag des Aufbruchs - und die Absage von Max. Schwer erkrankt musste er bereits früh morgens seine Teilnahme an der Besteigung absagen. So kurzfristig konnte kein Ersatzmann gefunden werden. Keine guten Voraussetzungen für einen Gipfelerfolg. Zumal auch die Wetteraussichten immer noch nichts Gutes verhießen - immer noch war Regen und Gewitter angesagt. Trotzdem brachen die drei wagemutigen Männer nach einem harten aber gerechten Arbeitstag in Richtung große Berge auf. Ihre Frauen ließen sie ziehen, schweren Herzens, aber mit dem Wissen, sie nicht aufhalten zu können.

Nach langer zermürbender Autofahrt endlich in Filzmoos angekommen, wurde die Anresie jäh durch die örtliche Blasmusikkapelle gestoppt: Straßensperre. Die drei Freunde ließen sich auch dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Vielmehr nützten sie die Zeit zu einer kulinarischen Stärkung und zur ersten Erkundung der massiven Felszinne aus der Ferne.

Erst nach Einbruch der Dunkelheit erreichten die Männer die Hütte - bekamen aber noch Bier und Zimmer. Und die ernüchternde Meinung des Hüttenwirts, der da meinte, es wäre noch sehr viel Schnee in der Route, vor allem nordseitig am Normalweg, über den der Abstieg geplant war. Dort wären wohl alle Abseilstellen tief verschneit und nicht zu finden! "Und überhaupt gehen selbst die guten Bergsteiger nicht vor Juli auf die Mütze", warnte der Mann.

Sollte die Besteigung bereits hier bei der Hütte enden? Max´ Erkrankung, das vorausgesagte Schlechtwetter, die Blasmusikkapelle und nun die Worte des Wirtes - waren das Warnungen?

Herr Homer wollte das alles nicht wahr haben. Er wollte es auf jeden Fall versuchen am nächsten Tag. Paul sah das etwas anders. Vor allem das Blitzen in Homers Augen störte ihn. "Welche Rechnung hast du mit dem Berg offen, dass du da unebdingt hinauf willst?", fragte er. "Keine Rechnung hab ich offen. Aber mein Herz ist vor einigen Wochen bereits vorausgeeilt und nun wartet es dort oben am Gipfel auf mich!", gab Homer zur Antwort. "Ein so ein Blödsinn", schaltete sich Stefan ein. "Wir gehen jetzt zu Bett und schauen uns den Berg morgen aus der Nähe an. Dann entscheiden wir". So legten sich die drei in ihrer Kammer zur Ruhe.

Als sie am nächsten Morgen vor die Hütte traten, präsentierten sich die Berge vor wolkenlosem Himmel im ungetrübten Sonnenlicht! Das weckte ganz vorsichtig und zaghaft die Zuversicht in ihnen, dass an diesem Tag vielleicht doch etwas Ernsthaftes möglich sein könnte.

Am Weg zum Einstieg war dann weit und breit nichts zu sehen von den großen Schneefeldern, vor denen der Hüttenwirt gewarnt hatte. Die Zuversicht begann zu wachsen!

Je näher sie dem Einstieg kamen, desto deutlicher war zu erkennen, dass auch in der Wand kein Schnee lag. Somit war sie voll da, die Zuversicht! Und mischte sich mit Euphorie und dieser gewissen prikelnden Nervosität.

Am Einstieg angelangt, seilen sich die Männer an und ohne viel Zeit zu verlieren, steigen sie in die Wand ein. Die Route ist leicht zu finden und gut zu klettern, wenn auch teilweise, vor allem im unteren Bereich, etwas brüchig. Zu dritt an einem Seil, das macht den Raum am Standplatz eng - und verlangsamt das Vorwärtskommen. Die beiden Nachsteiger Paul und Stefan, die gleichzeitig klettern, müssen darauf achten, dass sie sich nicht gegenseitig durch Zug am Seil behindern.

Das Problem hat Herr Homer im Vorstieg nicht. Dafür hat er das Problem, der nicht, oder nur sehr spärlich vorhandenen Haken in der Route. In der vierten Seillänge, deutlich über 10 Meter oberhalb des letzten Standes, mit vollem Rucksack wird das Klettern schon sehr zur Kopfsache. An zwei Stellen lässt Homer den Rucksack zurück und zieht ihn später zum Stand hoch.

Das Klettern in der Dreier-Seilschaft ermüdet die Männer schneller als normal. Trotzdem wissen sie, dass jeder Handgriff voll konzentriert durchgeführt werden muss, wenn es nicht ihr letzter sein soll.

Als Paul und Stefan dem siebenten Standplatz entgegen klettern, sehen sie über Herrn Homer bereits klar und deutlich das Zeichen, das das Ende ihres Aufstiegs markiert - das Gipfelkreuz.

Die letzten Meter zum Gipfel steigen sie frei. Und dann sind sie ganz oben, fallen sich in die Arme, klopfen sich gegenseitig auf die Schultern, denken an ihre Lieben daheim, lassen ihre Blicke über die umliegenden Berge schweifen und vergessen bei all der Freude nicht, dass eine Bergtour erst dann ein Erfolg ist, wenn man auch wieder heil abgestiegen ist.

Waren die Vorzeichen für diese Bergtour auch noch so warnend, so hatten die drei auch beim Abstieg Glück. Der Normalweg war ebenso schneefrei wie alles andere an diesem Berg auch. Also konnten sie dort problemlos, wenn auch etwas zeitintensiv, abseilen. Einzig, das Wetter verschlechterte sich nun tatsächlich. Dicke Wolken verfinsterten den Himmel und dröhnender Donner begleitete sie auf ihrem Weg zur Hütte. Glücklicherweise hielt sich der Regen zurück. Erst ein paar Meter bevor sie die Hütte erreichten, öffnete der Himmel seine Schleusen.

Zufrieden mit sich selbst und mit der Welt gönnten sich die Männer in der Hütte Schmaus und Trank. Sie tauschten ihr Eindrücke des Tages und dachten an ihre Lieben daheim - und an den nächsten Gipfel!

 

 

report.07 <<